Deutsche Apotheken brauchen mehr Cannabis


Die Niederlande haben längst ihre Coffeeshops. Deutschland probiert fürs Erste nur die medizinische Variante. Hendrik Knopp und Thorsten Kolisch sind von den Heilkräften überzeugt, sie absolvieren täglich eine Art Biocrashkurs, und sie wissen: Deutsche Apotheken brauchen mehr Cannabis, es gibt Tausende potenzieller oder tatsächlicher Kunden. Für Ärzte genehmigter Stoff muss bislang praktisch komplett importiert werden, aus Kanada, Holland und Dänemark. In Kanada konnten Gewächshäuser für Tomaten oder Paprika flugs in Gewächshäuser für Cannabis umfunktioniert werden. In Deutschland ist es komplizierter. Thorsten Kolisch und Hendrik Knopp ließen für ihren Arbeitgeber zunächst eine Immobilie in Bad Bramstedt in ein Bollwerk für fertige Cannabis-Importe umbauen. Dann erwarben sie für ihren Konzern das Grundstück in Neumünster.

Von 2018 an schrieb das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte 13 Lizenzen für den Anbau von Cannabis aus, im Frühjahr 2019 bekam Aphria fünf dieser Lizenzen. Das entspricht 1000 Kilo Cannabis pro Jahr, zunächst gültig für vier Jahre. Rechnet man einen Preis von zwanzig Euro pro Gramm, dann ergibt das eine hohe zweistellige Millionensumme. Kolisch und Knopp nutzten kanadisches Kapital der Aktionäre - und setzten auf Risiko.

Fotos aus dem Jahr 2018 zeigen das zukünftige Firmengelände als Kuhweide, nur 18 Monate sollen es von der ersten Planung bis zum Produkt sein. "Versuchen Sie das mal in Deutschland", sagt Thorsten Kolisch. Die Bewerber fingen deswegen bereits zu bauen an, bevor sie überhaupt den Zuschlag von der Behörde bekommen hatten, sie waren sich ihrer Sache sicher. Notfalls hätten sie vorübergehend halt Chilis für Labore gepflanzt. Oder Safran und Vanille, sagen sie.


Es geht nicht um Marihuana für Altona

Warum starten sie ihren Cannabisversuch hier? "Wenn wir in München wohnen würden, hätten wir sicher auch dort eine Gemeinde gefunden, die uns unterstützt", glaubt Hendrik Knopp. Aber sie wohnen in Hamburg und wurden in der Umgebung unverkrampft empfangen. "Oh Gott, Cannabis", hätten sie zwar mancherorts zu hören bekommen. In Neumünster allerdings habe der Bürgermeister (CDU) rasch verstanden. Es gehe "nicht um Marihuana für Altona" beruhigte beim Richtfest im Sommer 2019 der Kieler Wirtschaftsminister Bernd Buchholz von der FDP und schwärmte in seinem Videoblog von medizinischem Cannabis, was sich wohl auch für die Region rechnet. "Das ist eine neue Art, innovativ ein Unternehmen ins Land zu holen."

In Schleswig-Holstein regiert Jamaika, da drängt sich manchem natürlich die Verbindung zu Cannabis auf, Knopp und Kolisch kennen die Gags. Ob sie Sponsoren des THC Neumünster würden, bekamen sie auch mal zu hören, das THC steht für den örtlichen Tennis- und Hockey-Club - und eben für eine wesentliche Substanz von Cannabis. Doch allmählich normalisiert sich die Betrachtung. "Wir bauen für die Bundesrepublik Deutschland an", sagt Kolisch. "Cannabis made in Germany", sagt Knopp. "Ein absolutes Leuchtturmprojekt." Sie bauen an, der Staat verkauft.

Eine noch leere Raumflucht, wieder Stahlbeton, 24 Zentimeter, selbst die Luftschächte an der Decke sind vergittert. Auf Mineralwolle wird das Cannabis wachsen, drei Sorten, getrennt durch Luftschleusen, je nach Gehalt der Wirkstoffe THC und CBD. Drei Monate lang dauert das Wachstum, vier bis fünfmal pro Jahr wird geerntet. Afghanistan hat unter freiem Himmel nur zwei jährliche Ernten zu bieten. Temperatur, Licht, Luft, Wasser und Dünger sollen in der Anlage immer gleich sein, 365 Tage lang, für verlässliche Werte.Kohlefilter halten den Geruch im Gebäude

"Letztendlich", findet Hendrik Knopp, "ist Cannabis eine Pflanze wie jede andere." Aber beim Elternabend in der Schule nennt man sich als Cannabisfarmer im Zweifel lieber Medizinpharmaunternehmer. Man könnte jetzt über den Umgang mit Drogen debattieren, über Hoffnungen und Ängste. Man könnte feststellen, dass Verbote nie funktioniert haben, dass der Schwarzmarkt boomt, auch bekommt das Zeug nicht jedem. Cannabis sei hochkomplex, in all seinen Facetten noch gar nicht erforscht, sagt Thorsten Kolisch. "Wir liefern das, worauf die Gesellschaft sich geeinigt hat", in Deutschland vorläufig Cannabis für Kranke. Für Hendrik Knopp ist es der Anfang vom Ende der deutschen Prohibition, aber er weiß: Cannabis sei weniger Heilmittel als Hilfsmittel, "die Dosis macht das Gift". Wie beim Alkohol, nur kämen Besäufnisse und Weinbauern besser weg.

Im Herbst sollen die ersten Setzlinge in Klimaboxen aus dem Mutterhaus in Kanada eingeflogen und dann vom Hamburger Flughafen nach Neumünster gebracht werden, zart und bewacht. Auch der Zoll wird genau hinschauen, damit keine einzige Pflanze weniger ankommt als abgeschickt wurde. "Tausende aufstrebende junge Pflanzen für ein Leben in Deutschland", sagt Hendrik Knopp. Vorher wollen die Macher die Reise als Probelauf simulieren, sicher ist sicher. Wenn alles klappt, soll es im vierten Quartal 2020 losgehen und im Winter die erste Cannabisration geerntet werden.

Man werde von draußen nichts sehen und riechen, heißt es, Kohlefilter sollen den Geruch im Tresor halten. Auch würden keine Laster mit bunten Motiven von gezackten Blättern vorfahren, sagen die Betreiber. Doch sie wollen zumindest die deutsche Premiere inszenieren, unter den Augen der Behörden. Knopp sagt, dann müsse die Pflanze liefern.

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